Gut für’s Klima und für die Region

Wer den Film „Die andere Heimat“ von Edgar Reitz gesehen hat, weiß, wie arm der Hunsrück einmal war. Der äußerst sehenswerte Film zeigt, wie Hunger und Not in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Menschen dazu trieben, nach Brasilien auszuwandern. „Heute ist der Hunsrück eine florierende und beliebte Region, die Menschen wollen bei uns wohnen“, bekräftigt Frank-Michael Uhle, Klimaschutz-Manager des Rhein-Hunsrück-Kreises. Dies führt er auch auf ihre Aktivitäten zum Klimaschutz zurück. Sichtlich zufrieden referierte Uhle auf dem 3. Forum Solare Wärmenetze am 4. Juni in Stuttgart zum Thema „Regionalentwicklung und Wertschöpfung durch erneuerbare Wärmenetze“. Vor rund 120 TeilnehmerInnen, darunter viele von Stadtwerken und Kommunen, schilderten Uhle und die anderen Referenten eindrucksvoll, welches Potenzial solarthermisch unterstützte Wärmenetze zur CO2-Einsparung, zum Erreichen der nationalen und lokalen Klimaschutzziele, aber auch für die regionale Wertschöpfung haben.

Mit Solarthermie Wärmenetze dekarbonisieren

Um beim Beispiel Hunsrück zu bleiben: Der Hunsrück hat gute Ausgangsvoraussetzungen für Wärmenetze, da es in vielen Orten kein Gasnetz gibt. Deshalb gibt es im Landkreis schon 17 Nahwärmeverbünde, berichtete der Klimaschutzbeauftragte. Allerdings werden auch erst 600 von 35.000 Haushalten so mit Wärme versorgt. Mit dem Projekt in Neuerkirch-Külz hat der Kreis nun Neuland betreten. In das Wärmenetz ist eine große Solarthermie-Anlage eingebunden. 105 Häuser sind an das neue Versorgungsnetz angeschlossen, nur fünf Häuser werden laut Uhle noch mit fossil erzeugter Wärme versorgt. „Mit einem solaren Wärmenetz kann man die Klimaschutzziele in der Wärmeversorgung mit einem Schlag erfüllen, das geht nur mit Solarthermie“, betonte er.

Seine Kommune habe aber noch viel mehr von dem Vorhaben profitiert. Durch das Wärmenetz seien Arbeitsplätze in der Region geschaffen worden und es ziehe neue Bewohner an. „Die Leute wollen ans Wärmenetz und sie wollen ein Glasfasernetz.“ Die Kommunen könnten beides bieten, so dass es dort keinen Leerstand mehr gäbe. Damit andere Orte ihrem Beispiel folgen können, hat der Kreis den Praxisleitfaden „Bürgernahwärmenetze im Rhein-Hunsrück-Kreis“ veröffentlicht, der auf der Website heruntergeladen werden kann. Unter www.gelobtesland.de gibt es außerdem einen Film von Carl Fechner über den Landkreis zu sehen, in dem auch die Wärmeprojekte vorgestellt werden.

Markt für solare Wärmenetze wächst

Projekte wie das im Rhein-Hunsrück-Kreis sorgen dafür, dass die Zahl an solarthermisch unterstützen Wärmenetzen seit ein paar Jahren stärker wächst als zuvor. Thomas Pauschinger, Mitglied der Solites-Geschäftsleitung und Tagungsleiter, präsentierte auf der zweijährlich stattfindenden Tagung die aktuellen Marktzahlen. 34 solarthermische Großanlagen mit einer Gesamtleistung von 44 Megawatt (MW) und einer Bruttokollektorfläche von 62.700 Quadratmetern sind derzeit in Deutschland in Fernwärmenetze eingebunden. Allein im Jahr 2019 werden voraussichtlich weitere 19 Megawatt mit 23.200 Quadratmeter Kollektorfläche an den Start gehen. Die Branche erwarte für die nächsten Jahre ein beschleunigtes Wachstum und stelle sich langfristig auf einen fünfzigfach vergrößerten Markt ein, so Pauschinger.

Dazu tragen immer mehr auch die Fernwärmeversorger bei. Zum Beispiel die Stadtwerke Ludwigsburg-Kornwestheim, die aktuell die größte deutsche Solarthermieanlage mit 14.000 Quadratmeter Kollektorfläche bauen. Bislang halten den deutschen Rekord die Stadtwerke Senftenberg, die allein im vergangenen Jahr mit ihrer 8.300 Quadratmeter großen Anlage 4.720 Megawattstunden für ihr Fernwärmenetz geerntet haben.

Größte Solarthermie-Anlage Deutschlands in Planung

In Ludwigsburg-Kornwestheim werden bereits elf Wärmenetze mit Wärme aus Erneuerbaren Energien und / oder Kraft-Wärme-Koppelung (KWK) betrieben. 68 Prozent der benötigten Wärme stammen aus KWK oder Erneuerbaren. Das neue Großprojekt sei allerdings nur durch die sehr gute Förderung machbar gewesen, sagte Martin Klein von den örtlichen Stadtwerken auf dem Forum. Die Förderquote liegt bei 80 Prozent. Das kommunale Klimaschutzmodellprojekt „SolarHeatGrid“ wird im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative gefördert. Im Moment machen ihnen noch die Eidechsen zu schaffen, die in anderes Habitat versetzt werden müssen. 

In Berlin-Köpenick gibt es schon die ersten Ergebnisse der 1.000 Quadratmeter großen Solarthermieanlage, die Wärme für das größte Fernwärmenetz Europas erzeugt. Im ersten Betriebsjahr erzeugte die Anlage 520 Megawattstunden Wärme. Damit konnte der Betreiber 114 Tonnen CO2 und 20.000 Euro Brennstoffkosten einsparen, berichtete Thomas Jänicke-Klingenberg von der Vattenfall Wärme Berlin AG auf dem Forum.

Die größte Hürde für den Bau von solaren Wärmenetzen ist nach wie vor der Flächenbedarf. Die Fläche für die Solarthermie-Großanlage sollte möglichst nah am Ortsrand liegen, damit die Leitungen nicht zu lang sein müssen. Dafür kommen allerdings nicht nur landwirtschaftliche Flächen in Frage, sondern auch militärische Konversionsflächen und stillgelegte Mülldeponien. Auch die lukrative Förderung für KWK-Anlagen bewegt Investoren noch dazu, sich für diese Technologie und damit in der Regel für Gas als Brennstoff zu entscheiden.

Solar Slam begeistert

Der „Solar Slam“, den fünf junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Vormittag zum Thema Klimaschutz, Energiewende und solare Wärmenetze zum Besten gaben, bekam viel Applaus. Die lobenden Verweise auf die unterhaltsame und einprägsame Art, diese Themen zu vermitteln, zogen sich wie ein roter Faden durch den Tag.

Und auch die „Thementische“, ein Format, das sich auf dem vergangenen Forum Solare Wärmenetze schon bewährt hat, kamen gut an. Drei halbstündige Diskussionsrunden standen zur Wahl: die Entwicklung von Freiflächen am Beispiel der Neckar-Alb-Region, das BMWi-Förderprogramm für „Modellvorhaben Wärmenetzsysteme 4.0“ und „Städtische Fernwärme / Innovative KWK“. Nach kurzen Impulsvorträgen der Experten wurden Fragen der TeilnehmerInnen beantwortet und diskutiert. An den Stehtischen konnte nach der Mittagspause so keine Müdigkeit aufkommen.

Exkursionen zu Solarenergiedörfern und städtischen Anlagen

Am zweiten Tag, dem 5. Juni, ging es zu Anlagen vor Ort, entweder zu Solarenergiedörfern am Bodensee oder städtischen Anlagen mit der Baustelle in Ludwigsburg und nach Crailsheim.

Guido Bröer, Herausgeber und Chefredakteur der Solarthemen und Energiekommune, zog am Ende des ersten Veranstaltungstages das Fazit: „Der Markt kommt in Fahrt, aber es ist auch erst der Anfang.“ Es sei noch viel Kommunikation nötig, um die Vorteile und Möglichkeiten von solaren Wärmenetzen weiter zu verbreiten. Gleichzeitig bat er um mehr Selbstbewusstsein für das Eintreten der Wärmewende und der Solarthermie.

In der Summe: eine gelungene Veranstaltung!

Notiz am Rande: Dies ist kein offizieller Nachbericht, sondern ein Beitrag für meine Website.

Foto: Solites

Ausführliche Informationen rund um solarthermisch unterstützte Wärmenetze:

www.solare-waermenetze.de